Der Dudelsackpfeifer von Tipperary

Irisches Märchen


Niemand weiß mehr genau, wann diese merkwürdige Geschichte geschah, aber sie ereignete sich auf der grünen Insel Irland, in dem Städtchen Tipperary.
Dort lebte eine arme Familie mit vier Söhnen. Drei der Söhne waren gesund und stark und halfen im Hause, wo sie nur konnten. Der vierte aber lag noch in der Wiege, und er machte den Eltern und den Geschwistern Sorgen.
Mit einem gewöhnlichen Knaben hatte er kaum Ähnlichkeit, denn sein Gesicht war so grün, als hätte man ihn gerade aus dem Wasser gezogen. Dafür hatte er Augen wie zwei glühende Kohlen, scharfe Zähne, die so groß waren, daß er kaum den Mund schließen konnte. An den Händen hatte er lange Haare, dazu dünne Beinchen, so daß er einem Ziegenbock ähnelte.
Wenn der Kleine nicht gerade aß, brüllte er und schrie Tag und Nacht. Man erzählte sich damals in Tipperary, an seiner Wiege hätten die Nixen vom Fluß Pate gestanden, die dort seit eh und je im Schilfdickicht hausten.

Eines Tages, als er wieder einmal brüllte, daß allen die Ohren gellten, und die Mutter vergeblich versuchte, den Kleinen zu beruhigen, kam der blinde Dudelsackpfeifer Tim Carrol ins Haus. Eine Weile hörte er sich das Brüllen und Schreien an, dann setzte er sich ans Feuer, um sich die nassen Kleider zu trocknen, denn draußen prasselte der Regen nieder.
Wie gewohnt, griff der der blinde Dudelsackpfeifer zum Dudelsack, um darauf zu spielen. Kaum erklang jedoch der erste langegzogene Ton, als der Kleine auf einmal mäuschenstill wurde. Und als Tim ein altes irische Volkslied gespielt hatte, lachte der Knabe und streckte seine Händchen mit den Ziegenhaaren nach dem Dudelsack aus.
Die Mutter reichte ihm das Instrument und er stimmte gleich dasselbe Lied an, das gerade Tim gespielt hatte. Dann spielte er noch ein zweites und drittes, und jeder staunte über das Kind, das zum ersten Mal auf dem Dudelsack blies und so viele Lieder kannte. Der Kleine aber spielte und spielte, als ob er sein Lebtag nichts anderes getan hätte, als Dudelsack zu blasen.
Den Dudelsack wollte er allerdings nicht mehr hergebnen. Erst, als man ihm einen neuen brachte, gab er den alten Dudelsack dem blinden Tim zurück.

Wenn nun früher im Haus nur Geschrei und Gebrüll zu hören waren, so erklangen von nun an nur noch Dudelsackweisen. Keiner der irischen Dudelsackpfeifer konnte mehr Lieder als der kleine Kerl in der Wiege, und viele kamen von weither, um sich den Kleinen anzuhören oder von ihm noch etwas zu lernen.
Unter den Liedern, die der Knabe spielte, war eine gar wundersame Melodie, bei deren Klang sich wie von selbst die Füße zum Tanz erhoben. Solange er diese Melodie spielte, solange mußten alle tanzen, ob sie wollten oder nicht. Da das kleine Scheusal oft gerade diese Melodie immerfort spielte, mußten manche Leute solange tanzen, bis sie tot umfielen.
Es tanzten nach der Melodie aber nicht nur die Menschen, auch das Vieh auf der Weide sprang tanzend umher, so lange, bis Bullen und Kühe entkräftet zu Boden sanken.
Vergeblich baten die Eltern den kleinen Pfeifer, er solle den Dudelsack in Ruhe lassen. Aber alles Zureden und alle guten Worte halfen nicht, er spielte und spielte und tat, als ob er die Worte der Eltern nicht höre. Er spielte Tag und Nacht.

Das trieb er solange, bis die Nachbarn die Familie aus Tipperary fortjagten, damit das Städtchen wieder seine Ruhe habe. Der Vater mußte die einzige Kuh, die das Dudelsackspiel überstanden hatte, vor den Wagen spannen, dann setzte er sich mit der Mutter auf den Bock, und sie fuhren los.
Es war eine traurige Reise. Durch die Tränen, die ihnen die AUgen verdunkelten, konnten sie kaum das Städtchen erkennen, als sie den allerletzten Blick zurückwarfen. Nur der Knabe lachte und kreischte vor Vergnügen und spielte den Dudelsack, als ob nichts geschehen wäre. Seine Brüder liefen neben den Wagen her und trieben die Kuh.
Tipperary blieb hinter ihnen zurück, und schon näherten sie sich der Brücke, die über den Fluß Suir führte. Der kleine Dudelsackpfeifer hörte plötzlich auf zu spielen und begann so zu schreien, daß der Vater Mühe hatte, die aufgeschreckte Kuh auf dem Weg zu halten.

Dann fuhren sie über die Brücke. Der Strom unter ihnen toste. Als sie mitten auf der Brücke waren, kletterte der Kleine plötzlich aus der Wiege, nahm seinen Dudelsack und sprang mit einem Satz ins Wasser. Von ihm hat nie wieder ein Mensch etwas zu sehen bekommen. Am Ufer des Suir aber waren manchmal eigenartige Töne zu hören, die wie die Töne eines Dudelsackpfeifers klangen.

Entnommen aus "Europäische Städtesagen" von Vladimír Hulpach, Verlag Werner Dausien, Hanau 1979