Der Pipenbock

aus Mecklenburg


Östlich von Hagenow ist der Hof Sudenhof gelegen. Vor vielen Jahren hütete ein Schäfer dieses Hofes am Stadtfelde seine Schafe. Einmal aber war er eingeschlafen; unterdessen hatte seine Heerde sich den Hafer auf dem Stadtacker gut schmecken lassen. Wie er erwachte und sah, welchen Schaden seine Schafe angerichtet hatten, gerieth er in große Angst, doch wußte er sich zu helfen mit Lug und Trug. Er machte sich ein Ding, das ungefähr die Form eines Bocks hatte und bei jeglichem Druck und Stoß einen Schrei von sich gab, (die Aufzeichnung des zweiten Seminaristen (B): bei jedem Luftzug pfeifende Töne von sich gab und wie ein wildes Tier heulte...) dasselbe legte er in den Hafer. Wie die Bürger nun gewahr wurden, daß der Schäfer ihnen ihren Hafer abgehütet hatte, stellten sie die Forderung an ihn, ihnen den angerichteten Schaden zu ersetzen. Der Schäfer stellte sich unschuldig und schob die Schuld auf den Pipenbock, der im Hafer lag. Wie sie das böse, gefräßige Tier sahen, fiel Furcht und Schrecken auf sie; 'Das Tier muß aus der Welt geschafft werden' sagten sie. Sie liefen schnell nach Hause und holten Feuerhaken und Heugabeln, um die Bestie zu töthen. Bald waren sie da. Nun schlichen sie sich an den Pipenbock heran und versetzten ihm Stöße und Stiche; aber todt kriegten sie ihn nicht. Je mehr sie stachen und stießen, desto erbärmlicher schrie er. Da sagte der Hirte, es sei ihm ein Kleines, den Bock aus der Welt zu schaffen. Das glaubten sie (zumal man in früherer Zeit glaubte, daß die Schäfer die Zauberei verständen) und handelten deshalb mit ihm, was er haben wollte. Er forderte die Erlaubnis, nach der Ernte auf der ganzen Feldmark hüten zu dürfen. Die Forderung war ihnen zu hoch; aber eine ziemliche Ecke wollten sie abstehen. Von der Zeit an hütet immer noch der Sudenhöfer Schäfer eine große, am Vietzer Wege gelegene Ecke der Hagenower Feldmark.

Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. Bd. 1-2, Wien 1879-80
Aufzeichnung von zwei Seminaristen
Bd.1 Nr.473 S. 345 f

vgl. Wossidlo, VÜ 2/794 b (QT- )

vgl. Siegfried Neumann: Volksschwänke aus Mecklenburg aus der Sammlung
Richard Wossidlos. Berlin 1964, S.117
Nr. 417
He het so'n Oort Piepenbuck in't Kuurn stellt hatt,dee ümmer huult, wenn de Wind weiht het... As de dree nu rinkamen in dat Kuurn, fängt de Wind in den Piepenbuck an to spälen.

Neumann übersetzt "Piepenbuck" mit "Windknarre".

Weiterhin veröffentlicht in: Richard Wossidlo: Aus dem Lande Fritz Reuters. Humor in Sprache und Volkstum Mecklenburgs. Leipzig 1910, S.188

Uns' plattdütsch Heimat. Nahrichtenblatt von den plattdütschen Landsverband Meckelborg. 15 (1940) Heft 2, S.7

Thompson, Stith. Motif-Index of Folk- Literature. Bd. 1-6. Kopenhagen 1955-1958, J 2361

Aarne, Antti und Stith Thompson: The Types of the Folktale. A Classification and Bibliography. Helsinki 1961

Ein weiterer Beleg im Wossidlo-Archiv aus Neukloster. Vom Hg. aufgezeichnet in Cammin.