Die Kuh, die den Pfeifer fraß

Irisches Märchen


Irland. Man schreibt das Jahr 1798.
In Frankreich ist gerade die Revolution zu Ende, und England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Die englischen Soldaten reichen nicht aus, und so wird in Irland rekrutiert.

Der Wexford-Aufstand wird blutig niedergeschlagen. In ganz Irland brodelt es, und England schickt eine ganz besondere Art von "Black Sheriffs", um die Nation in Schach zu halten: hessische Landsknechte, die dafür bekannt sind, dass sie hart zupacken können.

In diesen unruhigen Zeiten gerät das Leben leicht außer Kontrolle, und Mord und Räubereien sind an der Tagesordnung. Der irische Alltag ist geprägt von mageren Gesichtern. Doch wenn es erst dunkel ist, wird manche Session veranstaltet, denn auch hungrige Iren gedenken zu feiern. Und so manchem Hessen fährt in der Nacht ein kaltes Messer zwischen die Rippen...

Denny Byrnes, der Piper, hat immer viel zu tun. Keine Hochzeit, keine Beerdigung wäre ohne ihn denkbar. Sein Spiel versetzt die Menschen in Staunen, genauso wie seine Begabung, unzählige Krüge leerzumachen. Geld gibt es keines zu verdienen, und so spielt er seine Tunes für Kartoffeln und Schwarzgebranntes. Mit der Zeit gerät er etwas aus der Facon: unter seiner Haut klappern die Knochen, und über ihr flattern die schäbigen Überbleibsel seiner Kleider.

Wieder einmal ist eine Feier zu Ende. Das Publikum war zufrieden, und Denny hat einen kleinen in der Krone. So befindet er sich mit leichtem Zickzackschritt auf dem Heimweg, als ihm der Vollmond eine Szenerie beleuchtet, die ihn in helles Entzücken versetzt: In dem Baum, der neben der Straße steht, baumelt ein aufgeknüpfter Hesse friedlich im Nachtwind.

"Da hängen ja meine neuen schicken Stiefel", denkt sich Denny und macht sich daran, die begehrten Treter an sich zu bringen. Doch der Knabe ist schon etwas morsch, und seine Füße sind um zwei Nummern angeschwollen. Denny zieht und zieht, und ohne dass sich die Boots auch nur einen Millimeter bewegen, hat er mit einem Mal ein komplettes Paar hessischer Beine unterm Arm. Doch das kann ihn nicht aus der Ruhe bringen, Stiefel ist Stiefel, ob mit oder ohne Bein. er nimmt Kurs auf sein Bett und wackelt unverdrossen seines Wegs.

Doch der Weg wird ihm lang, und so beschließt er, bei Tim Kavanagh, den er gut kennt, Zwischenstation zu machen. Kein Licht mehr, die Familie schläft schon lange. Ganz leise und gefühlvoll klopft Denny an die Tür. Sekunden später ist das ganze Haus in Aufruhr. Tim kommt heraus und erteilt Denny eine Rüge der allerschärfsten Form wegen nächtlichen Randalierens. Dann weist er ihm als Bleibe für die Nacht den Kuhstall zu. Die erbeuteten Beine hat er dabei ganz übersehen. Die Kuh hat es schön warm in ihrem Strohbett, und Denny legt sich zu ihr. Ein schwerer Tag ist überstanden.

Beim ersten Sonnenstrahl springt Denny - inzwischen wieder nüchtern - auf, zieht sich nun endlich die Hessenstiefel an, und macht sich auf zum Glenealy Fair, wo sein nächster Job auf ihn wartet: Uilleann Pipes spielen und Krüge leermachen, wie immer. Die Beine, die ihn eine Nacht lang begleitet haben, läßt er im Stroh zurück.

Unterdessen hat man bei Kavanagh's Rat gehalten und ist übereingekommen, dass man dem guten Denny wohl doch ein wenig Unrecht getan hat. So soll er denn als Wiedergutmachung am gemeinsamen Frühstück teilnehmen dürfen. Der kleine Paddy, der ihn hereinrufen soll, vermeldet mit schreckensbleichem Antlitz, dass das liebe Kuhchen den lieben Denny verspeist hat. Mit Haut und Haar und Chanter.

Von allen Beteiligten hat Mutter Kavanagh die schwächsten Nerven: "Die Kuh muss weg!" - "Um Himmels Willen, was machen wir nur mit Dennys Beinen?" - "Wenn das rauskommt! Wir werden alle aufgehängt..." Hin und her springt sie, dass einem schon vom Zusehen ganz schwindlig wird. Papa Tim sieht die ganze Angelegenheit etwas distanzierter: "Musikalischen Geschmack hat sie ja gar keinen, unsere Kuh. So ein schönes Teil wie Dennys Pipes Set ist doch viel zu schade zum Aufessen." Ein paar verschwiegene Nachbarn werden zusammengetrommelt, damit man die Beine in eine Kiste packen und ordentlich begraben kann.

Und auch die Kuh, die das Wirrwarr um sie überhaupt nicht begreift, kann nicht länger bleiben. Man bugsiert sie auf den Glenealy Fair, wo sie für ein paar Guineas verscherbelt wird. Mit diesem Kuhverkauf nun findet der Störfall sein Ende und das wieder einkehrende normale Geschehen seinen Anfang. Damit der Erlös der Kuh nicht zu lange nutzlos im Sack herumklimpert, begeben sich Käufer und Verkäufer in den nächstbesten Pub, um auf das anstrengende Geschäft einen zu heben.

Und noch in der Kneipentür erstarrt Tim Kavanagh plötzlich zur Salzsäule: Wer sitzt da, munter und lebendig, gestiefelt und gespornt, und pfeift, dass die Wände wackeln? Es ist Denny Byrnes, der Unverwüstliche.

Aber der Schrecken legt sich schnell, und Tim erfährt endlich, wie sich alles zugetragen hat. Die Kuh ist weg, doch dafür hat er ja die Guineas, und was für zwei reicht, das reicht auch für drei. Es gibt viel zu erzählen und viel zu tanzen, und man macht zusammen viele Krüge leer.

Und auf dem Heimweg blicken unsere drei Freunde immer schön vor sich auf die Straße, denn was in Irland nachts in den Bäumen baumelt, kann zu mancherlei Verwicklungen führen.