Vom Wohldorfer Spielmann

Erzählung aus der Gegend von Hamburg


Vor nunmehr bald 100 Jahren im Maimonat ereignete sich in dem Hamburgischen Forstorte Wohldorf ein viel betrauerter doppelter Unglücksfall. Der dortige wohlbekannte alte Spielmann, der so eigentlich keinen Namen führte, hatte sich zweifellos absichtlich bei Dubenstedt in die Alster gestürzt, ein daselbst am Schleusenbau arbeitender Zimmergesell war ihm nachgesprungen, um ihn zu retten: Beide waren ertrunken, der blühende Jüngling mit dem welken Greise! Von Jenem sagt der Bericht des Waldvogtes: daß er aus Oesterreich gebürtig, erst 24 Jahre alt, und der allerschönste Mensch gewesen, der in diesen Landen jemals gesehen. Seine Leiche hätten die Gesellen des Zimmeramts zu Hamburg mit großer Feierlichkeit abgeholt, wobei kein Auge trocken geblieben. In Betreff des alten Spielmanns aber fragte der Beamte bei dem Waldherrn an, ob ihm seiner Todesart wegen ein ehrliches Begräbniß zu geben sei. Und da er ihm ein solches ersichtlich gern gönnt, so fügt er mit einer ganz ungewöhnlichen Theilnahme einen kurzen Lebensabriß des alten Mannes hinzu, um die darin liegenden Milderungsgründe der That seinem Gebieter kund zu thun.

Darnach, wie nach anderen derzeit über ihn eingezogenen Nachrichten, war denn dieser seltsame Spielmann etwa 60 Jahre früher zu allererst in`s Wohldorfer Revier gekommen, mit den fremden Spielleuten, die bei den drei Hochzeitstagen eines großen Bauern zu Dubenstedt die Musik gemacht. Bei dieser Gelegenheit mochte er sich - so ging hernach das Gerede - in ein sehr schönes junges Mädchen, des Bauervogts Tochter, verliebt haben. Schon nach einigen Monaten war er allein wieder gekommen, hatte den Leuten umsonst aufgespielt, keinen Mangel blicken lassen und sich viel auf dem Hofe des Vogts zu schaffen gemacht. Dazumal erzählten sich auch die Weiber, wie sein anmuthiges Spielen und Singen das Mädchen so gewonnen habe, daß sie wiederum ihn von Herzen lieb gehabt, daß aber der Vater, als er`s entdeckt, sehr zornig geworden sei und nichts von Heirathen habe hören wollen, da er seine Tochter keinem unehrlichen Spielmann gebe, und Spielmannskinder als Enkel zu haben, nimmermehr sein Verlangen. So ging damals das Gerede in der Leute Munde, obschon Niemand gewisse Kunde darüber gehabt. Darnach war eines Tages der fremde Spielmann aus dortiger Gegend verschwunden, und Jahre lang hat man nichts von ihm gehört. Er mag sich wohl in Kriegsdiensten, oder sonst nach Art seiner Profession in fernen Landen umher getrieben haben, und Gott wird wissen, was für Schicksale ihm dort begegnet sind.

Indessen mußte das junge Mädchen dem Vater gehorsamen und nach dessen Willen und Gebot einen reichen Bauer zu Bargstedt heirathen. Sie war immer ein stilles Kind gewesen. Man hat auch später nicht viel mehr von ihr vernommen, und kaum zwei Jahre darnach ist sie zu Grabe getragen.

Diese alten Geschichten waren bereits vergessen und verschollen, als plötzlich eines Tages, etwa zehn Jahre nach seinem ersten Auftreten, der fremde Spielmann wieder erschien, und sich in Dubenstedt nieder zu lassen begehrte. Solch` Ansuchen schlug ihm jedoch die Obrigkeit dieses Holsteinischen Dorfes rundweg ab, da er über seine Person, Herkunft, Heimath und sonstige Verhältnisse schlechterdings jede Auskunft verweigerte. Als er nun auf Hamburgisches Territorium übergetreten, und sich Nachts im Neuhäuser Schleusenhause, Tags aber in den Forsten beim Herrenhause aufhielt, da traf es sich günstig, daß der Waldherr eben anwesend war und beim Lustwandeln den fremden Spielmann musiciren hörte, einmal auf der Geige, nachmals auf der Sackpfeife, worüber der ernste Herr in solche Gemüthserregung kam, daß er dem Waldvogte befahl, dem armen Kerl in Gottes Namen einen schicklichen Platz zum Ansiedeln anzuweisen. Als solchen wählte sich dieser die kleine Wiese, da, wo die Wohldorfer Aue zur Alster geht, seitwärts von der Waldhöhe, mit der Aussicht auf Dubenstedt. Hier baute sich der Spielmann, der über seine Herkunft und Heimath auch fernerhin jede Anfrage unbeantwortet ließ, mit gar geschickten eigenen Händen eine saubere Hütte, wie man sie hier zu Lande niemals sieht, fast gänzlich von Holz, mit grün bewachsenem Vordach. Und in dieser Hütte hat er seitdem "in die 50 Jahre ganz mutterseelen allein gewohnt, sintemal er sich nicht verheirathet, folglich weder Weib, noch Kind, noch Freundschaft jemalen gehabt."

So lange, als die älteren Leute in Wohldorf sich auf ihn besinnen konnten, war er ihnen immer als ein zwar stilles, aber sehr freundliches, altes Männlein erschienen, und der Waldvogt meinte, es sei was ganz Apartes an ihm gewesen, wozu auch seine oberdeutsche Sprache beigetragen, weshalb er Anfangs dem geringen Mann schwer verständlich. Der Bargstedter Herr Pastor aber, zu dem er alle Sonntage in die Kirche und oftmals in den Beichtstuhl gegangen, hat von ihm gesagt, er sei ungeachtet seiner Mundart doch ein guter Christ. In seiner Profession war er allgemein sehr beliebt. Bei allen Kindtaufen, Hochzeiten und Erndtefesten der ganzen Gegend hat er stets aufspielen müssen, womit er ein gutes Stück Geld verdient. Die jungen Leute aber mochten seine fremdländischen Weisen so gern, daß der Tanz nur halbe Lust war, wenn er nicht aufspielte. Zur Winterszeit hatte er auch manchen Erwerb mit Schneiderei für die Jägerburschen und Andere, die nicht zum Bauernstande zählten; denn seine Wämser waren von einem sonderlichen Schnitt, den die Bauern nicht mochten, weil sie stets am Alten hängen. Daneben baute er seinen Garten und zog, außer dem Gemüse, so viele schöne Blumen, wie man sie sonst nirgens sah. Sein Musiciren, wenn er`s für sich allein trieb, war ganz ausnehmend schön. Die Geige hat er gestrichen, wie kein Anderer; auch auf`s Waldhorniren hat er sich verstanden, und in stillen Frühlingsnächten ist`s schier zum Verwundern gewesen, wie er geblasen. Den Leierkasten oder die Drehorgel hat er sehr verachtet, dagegen hat er die Sackpfeife mit zween Schalmeien so fein tractiret, wie schon zu jener Zeit sonst gar nicht mehr gehört worden.

Umgang hat er, weiter als ihn seine Profession mit den Leuten zusammengeführt, keinen gehabt. Den Stadtmenschen ist er meist aus dem Wege gegangen. Und wenn Herren des Raths mit ihren Familien und Gästen zur Sommerszeit sich im Herrenhause erlustiret haben, hat er sich wohl etwas versteckt gehalten, und vor ihnen nicht gern aufspielen mögen. Manche von den Herrschaften aber sind zu seiner Hütte gegangen, haben die artige Gelegenheit derselben und die raren Blumen bewundert, auch von fern seinem Musiciren zugehorcht. Seine Lebensfreude hat er, außer an seinem Gespiele und den Blumen, auch an den Vögeln des Waldes gehabt, denen er das Futter gestreuet, so daß ihrer viele beständig auf dem grünen Plan vor seiner Hütte sich eingefunden. Am liebsten hat er die Walddrossel gehabt, mit der man ihn fast menschlich hat reden hören. Er hat sich auch meisterhaft auf den ganzen Waldgesang verstanden, und jedwede Vogelstimme so täuschend nachahmen können, daß es die Jäger oftmals geirret, wenn sie durch den Forst gegangen sind.

Von den Kindern war er ein sehr großer Freund, und täglich saßen, von Wohldorf wie von Dubenstedt, kleine Häuflein derselben vor seiner Hütte, woselbst sie spielten, bis er heraustrat und mit ihnen sich beschäftigte. Dann erzählte er ihnen allerhand Geschichten aus der Bibel und andere, auch alte Märlein, vom hörnenen Siegfried und ähnliche, auch viele lustige Schwänke. Desgleichen sang er ihnen die allerschönsten Lieder vor, die der wußte, geistliche wie weltliche, bis sie ihm dieselben nachsangen. Und manchen Vorübergehenden hat`s das Herz erfreut, wenn er die fröhliche Kinderschaar um den silberhaarigen, alten Mann sitzen sah und ihre hellen Stimmen so lustig klingen hörte.

In den letzten Jahren ist er hinfällig und gebrechlich geworden, so daß er zu Hochzeiten und Tanzfesten nicht mehr gegangen. Vom letzten Neujahr bis auf Fastelabend tat er seine Hütte kaum verlassen; aber beim ersten Grünen des Frühlings ist er wieder oftmals im Walde und auf der Neuhäuser Schleuse bei Dubenstedt gesehen, hat auch alle Morgen die Kinderschaar um sich versammelt gehabt. In den ersten Maitagen ist er einigen Leuten sehr unruhig erschienen, man hat gesehen, wie er die zitternden Hände gerungen, als ob er schwer kämpfen müsse; wie er denn auch laut mit sich selber geredet, und mehrmals das Sprüchlein aus dem Propheten Jesaias vor sich hergebetet: "Aber das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Tocht wird Er nicht auslöschen."

Der Waldvogt schloß seinen wohlwollenden Bericht, indem er sagte: "Es ist fürwahr dieser Greis, wenn auch ersichtlich im Kopfe nicht ganz richtig, doch zeitlebens ein grundgutherziger Mensch gewesen, der keiner Seele was zu Leide gethan, vielmehr gern Allen was zu Liebe, wie er`s gekonnt und gewußt. Und was ihn jetzo, an die 85 Jahre alt, noch in`s Wasser getrieben haben mag, - Böses kann`s nicht gewesen sein, - das weiß allein der große Gott, der auch einzig kennt, was eigentlich ihn vor Zeiten aus seiner Heimath gerissen, und was vor Schicksale und Herzeleid er in jüngeren Jahren ausgestanden hat!"

Bis nun des Waldherrn Antwort nach Wohldorf kam, lag die Leiche des alten Spielmanns in seiner stillen Hütte. Dorthin hatte man sie gleich gebracht und auf`s Bette gelegt, als man sie aus dem Wasser gezogen und getrocknet; die müden Augen waren geschlossen, und auf dem alten lieben Gesicht lag ein sehr friedlicher, feierlicher Ausdruck. Blumen, Vögel und Kinder hatten verwundert zugeschaut, und nicht begriffen, was man mit ihrem alten Meister vorhabe. Und als am anderen Morgen die die Kinder, ihrer Gewohnheit nach, wieder zur Hütte kamen, und der Alte fort und fort schlummerte, und sie allmählig inne wurden, daß seine freundliche Seele weggegangen sei, um nimmer wieder zu kehren, da sind sie allesammt in ein lautes, schmerzlich betrübtes Weinen ausgebrochen und die Vögel des Waldes haben in traurigen Tönen eingestimmt in die Wehklage um den lieben alten Freund. Und am nächsten Morgen sind die Kinder wieder gekommen, haben Anfangs geweint und gewehklagt, dann aber zu spielen begonnen, erst ein wenig still, dann etwas lauter, bis Eins von ungefähr ein geistlich Lied zu intonieren begonnen, das der Alte am liebsten von ihnen gehört; das haben denn Alle mit kindlichem Eifer zu Ende gesungen und dann nach Kinderweise fröhlich weiter gespielt.

Inzwischen ist des Waldvogts Wunsch, dem alten Spielmann ein ehrlich Begräbniß zu verschaffen, in Erfüllung gegangen. Der Waldherr hat`s gern bewilligt, in der Stille, an der Kirchhofsmauer des Pfarrdorfes Bargstedt. Und wie der wackere Beamte dies ausrichten will, da wird unvermuthet sein gutes Herz hoch erfreut durch die lebendige Betheiligung der Bauern in Wohldorf und Dubenstedt.

Ob die rührende Wehklage der unschuldigen Kinder um ihren heimgegangenen alten Freund diese sonst so trägen Herzen geweckt? ob sie sich erinnerten, wie einst auch sie als Kinder gehangen an dem alten Mann, wie er sie gehegt und gepflegt mit Liebe und Güte, wie sie die besten Freuden ihrer Jugend, ihres Lebens, ihm verdankten? genug, es erboten sich so viele Leute zur Leichenfolge, daß lange keine so ehrenvolle Bestattung im Kirchspiel vorgenommen, als diese, welche einem Fremdling galt, einem armen alten Spielmann. Auf dem Wagen des Dubenstedter Vogtes, unter dem Vortritt der Jägerburschen des Oberförsters, gefolgt von einer großen Menge Leidtragender, langte der Sarg auf dem Bargstedter Kirchhofe an. Tönte hier auch kein Glockengeläute, so sang doch der Schulmeister mit seinen Kindern am offnen Grabe, und der Herr Pastor sprach ein schönes Gebet zu aller Anwesenden Andacht und Erbauung.

Die Hütte des alten Spielmanns zerfiel bald und der Garten verwilderte. Aber noch lange Zeit kamen die Kinder regelmäßig zum Spielen hieher zu dieser Stelle, wohin eine liebe Gewohnheit sie zog. Dann wuchs eine neue Generation heran, die auch hier zu spielen pflegte, aber ohne etwas zu wissen vom alten Spielmann. Da hatte schon längst der Rasen der Wiese sich seines alten Gebietes wieder bemächtigt, und mit dichtem Grün die kleine Stätte überzogen, wo vormals so manches Jahr ein einsam Menschenherz still getrauert und sein heimlich Leid in sich verschlossen, um der Außenwelt die Liebe und Freundlichkeit, die es bewegte, in desto friedlicheren Klängen wohltuend zu offenbaren.

Die Erzählung stammt aus einem Werk des Hamburger Archivars Otto Beneke. Unter dem Titel "Von unehrlichen Leuten. Cultur=historische Studien und Geschichten aus vergangenen Tagen deutscher Gewerbe und Dienste, mit besonderer Rücksicht auf Hamburg." (Hamburg 1863) verfaßte Beneke ein Buch, das, zwar ohne die Angabe genauer Quellen und ohne im heutigen Sinne wissenschaftlichen Anspruch, schon sehr früh Bereiche der Volkskulturforschung berührt und sehr genau die Situation der unteren gesellschaftlichen Schichten des Mittelalters und der frühen Neuzeit analysiert. Mit enormer Sachkenntnis und der Auswertung einer Vielzahl archivalischer Quellen entwickelt Beneke ein umfassendes Bild der "Unehrlichen".
Die Erzählung vom Wohldorfer Spielmann, die Beneke seinem Kapitel über die Spielleute anhängt (S. 51 - 56), ist geprägt durch die Sinnlichkeit, Empfindsamkeit und Religiosität des 19. Jahrhunderts. Da lebt der von der Welt enttäuschte alte Spielmann als Eremit im Einklang mit Gott, der Natur und den noch "natürlichsten" menschlichen Wesen, den Kindern, in einer landschaftlichen Idylle. Er verkörpert die alte, schwindende Welt des vorindustriellen Zeitalters, die hier zu einer traurig schönen Welt verklärt, und deren Verschwinden bedauert wird. Der Niedrigste der Gesellschaft, der "unehrliche" Spielmann, wird zum Protagonisten romantischer bürgerlicher Weltsicht. Sein Tod erst läßt die Bevölkerung seiner Umgebung Anteil am Alten nehmen und Schwindendes bedauern.
Grundlage der Erzählung bildet wohl die Akte der Untersuchung des Selbstmordes des Spielmanns, die sich vielleicht heute im Staatsarchiv in Hamburg befindet. Der reale Kern wird u. a. in der wörtlichen Rede des Waldvogtes erkennbar, die sich wohl an den Bericht des Vorfalls anlehnt.
Neben anderen Instrumenten läßt Beneke den Spielmann auch die Sackpfeife mit zween Schalmeien spielen, womit auch dieses Instrument zur Verkörperung des Alten wird. Über die Herkunft des Musikanten gibt Beneke außer der Erwähnung der oberdeutschen Aussprache keinen weiteren Bericht, ja die Figur des Spielmanns selbst schweigt sich gegenüber seiner Obrigkeit darüber aus. So bleibt auch die Herkunft der Sackpfeife im Dunkeln. Interessant ist die Tatsache, daß vor nunmehr bald 100 Jahren, also um 1770, das Sackpfeifenspiel in Norddeutschland wirklich in den letzten Zügen lag. Die Bemerkung, daß man ein so qualitätsvolles Spiel zu jener Zeit sonst gar nicht mehr gehört habe, ist für die Situation jener Zeit durchaus zutreffend.
Sackpfeifen mit zwei Schalmeien sind in den romantischen Abbildungen des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit.