Geschichte

Dieses Kapitel kann natürlich nicht die Entwicklung aller Sackpfeifen in allen europäischen Regionen darstellen. Ein solches Werk ist meines Wissens noch nicht geschrieben worden. Ich werde mich daher auf Mitteleuropa, sprich den deutschen Sprachraum beschränken, und auf andere Entwicklungen eingehen, wo das für diese Region relevante Auswirkungen  hat.

Über die Instrumente der Antike wissen wir praktisch nichts. Im Hochmittelalter werden Abbildungen von Sackpfeifen häufiger, so daß wir uns erstmals ein Bild über die äußere Gestalt der Instrumente machen können, wenn auch nicht über ihre Bauweise und die Musizierpraxis.

Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhalten wir exaktere Beschreibungen von Sackpfeifen, und zwar erfreulicherweise von deutschen. Der Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius (latinisiert von Schulze) gibt 1618 sein instrumentenkundliches Buch De Organographia als zweiten Teil seines dreibändigen Werkes Syntagma Musicum heraus. Dieses Werk ist deswegen von so großer Bedeutung, weil 1620 eine Sammlung von Holzschnitten dazu veröffentlicht wird (Theatrum Instrumentorum seu Sciagraphia), in der die beschriebenen Instrumente maßstabgerecht und mit Angabe von Stimmung und Tonumfang abgebildet sind. Das Kapitel über Sackpfeifen habe ich extra zum Nachlesen exzerpiert.

Leider schreibt Praetorius nichts über die Bohrungen der Spielpfeifen oder die Art der Rohrblätter. So sind wir wieder auf Vermutungen angewiesen. Ich schließe mich der Meinung von van der Meer an, der in seiner Typologie der Sackpfeifen den deutschen Sackpfeifen ausschließlich einfache Rohrblätter zuweist.

Den gerade im 16. Jahrhundert sehr häufigen Bildquellen mit Abbildungen bäuerlicher Tanzvergnügen können wir entnehmen, daß in Deutschland ein Typ von Sackpfeife überall verbreitet war. Diese Sackpfeife verfügte über eine gerade Spielpfeife und ein oder zwei Bordunpfeifen, die über die Schulter des Spieler gelegt werden. Sie wird fast immer zusammen mit einem Instrument der Schalmeienfamilie gespielt, seltener mit Drehleier oder anderen Instrumenten, auch anderen Sackpfeifen.

Bereits in mittelalterlichen Altarbildern ist offenbar die Zugabe einer Sackpfeife ausreichend, um die damit ausgestattete Personengruppe als Schäfer auszuweisen. Bei Praetorius wird eine der Sackpfeifen ausdrücklich als Schaper Pfeiff bezeichnet. Die Sackpfeife, die im Hochmittelalter noch ein Instrument aller Stände war, ist also nunmehr vorwiegend in den niederen Schichten der Bauern und Schäfer, also der Landbevölkerung, zu finden, im 16. Jahrhundert also immerhin noch mehr als 90% der Bevölkerung des Heiligen Römischen Reiches.

Mit dem Aufkommen der Schäferromantik im Barock und Rokoko erfährt vor allem in Frankreich die Sackpfeife in Form der Musette de Cour eine Aufwertung und wird, zusammen mit der Drehleier zum Modeinstrument allerhöchster Kreise an den Höfen. Dieser Entwicklung entspricht in Deutschland das Auftreten eines anderen Sackpfeifentyps, nämlich des polnischen Bocks. Dieser ist zunächst durch seine aufwärts gekrümmten Schalltrichter aus Tierhörnern charakterisiert, wie sie die polnischen, aber auch die böhmischen Sackpfeifen heute noch haben. Darüberhinaus wird der Sack oft aus dem Fell einer Ziege gemacht, und der haarige Balg mit dem geschnitzten Kopf eines Bockes versehen, was dem Instrument ein besonders groteskes Aussehen gibt. Aber alles Groteske war ja gerade beliebt.

Das sich wandelnde Musikempfinden des aufgeklärten Bürgertums läßt seit dem 18. Jahrhundert in vielen Regionen Europas die Sackpfeife in den Hintergund treten. Sie wird zum verachteten Instrument ungebildeter, hinterwälderischer Landbewohner. Am längsten hält sie sich in unwegsamen Gebieten, wo auch die sonstigen Errungenschaften der Zivilisation spät Einzug halten: In den Mittelgebirgen Süddeutschlands, der Schwäbischen Alb und dem Bayerischen und Böhmischen Wald.

Im übrigen Europa ist die Entwicklung ähnlich. Entlegene Gebiete, die starrköpfig an überlieferten Traditionen festhalten, werden auch zum Refugium der Sackpfeife und ihrer Musik: in Frankreich die Bretagne und die Regionen um das Zentralmassiv, in Spanien das entlegene Galizien, in Italien die Insel Sizilien und die Bergregionen des Appennin, in England die nördlichste Region Northumberland. Schottland nimmt hierbei eine Sonderstellung ein, weil die dortige Sackpfeife den Status eines nationaltypischen Symbols errang und deswegen in allen Schichten breite Akzeptanz fand.